{"id":2720,"date":"2011-11-29T19:12:54","date_gmt":"2011-11-29T19:12:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.againstchildtrafficking.org\/?p=2720"},"modified":"2017-01-13T12:11:54","modified_gmt":"2017-01-13T12:11:54","slug":"%e2%80%9eich-bin-ein-gestohlenes-kind%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/%e2%80%9eich-bin-ein-gestohlenes-kind%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"\u201eIch bin ein gestohlenes Kind\u201c"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div>\n<div>Source:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.cicero.de\/salon\/auslandsadoptionen-Anisha-M%C3%B6rtl-das-gestohlene-kind\/46664?seite=2\" target=\"_blank\">http:\/\/www.cicero.de<\/a><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>AUSLANDSADOPTIONEN\u00a0VON\u00a0ANTJE HILDEBRANDT<br \/>\n29. NOVEMBER 2011<br \/>\nHat ihre Adoptionsgeschichte von Indien nach Deutschland aufgeschrieben: Anisha M\u00f6rtl<\/p>\n<p>Anisha M\u00f6rtl war elf Monate alt, als sie zu deutschen Adoptiveltern kam. Jetzt hat sie ihre Autobiographie geschrieben. Sie entlarvt den sch\u00f6nen Schein der Auslandsadoptionen<!--more--><\/p>\n<p>Vielleicht lag es daran, dass sie nicht dieselbe Sprache sprachen. Dass ausgerechnet in jenem Moment das Handy ihrer leiblichen Mutter klingelte, als sie sie nach neunzehn Jahren das erste Mal wiedersah.<\/p>\n<p>Die Begegnung hatte sich Anisha M\u00f6rtl anders vorgestellt. Da war sie nun von M\u00fcnchen ins indische Hyderabad geflogen, um endlich eine Antwort auf die Frage zu finden, woher sie kam und wer die Frau war, der eine katholische Ordenschwester 1991 das einzige Kind geraubt und zur Adoption an ein kinderloses Ehepaar vermittelt hatte: Anisha das bedeutet Morgenr\u00f6te.<\/p>\n<p>Und vor ihr sa\u00df eine Fremde. Sie war kleiner als sie und ihre Haut noch eine Spur dunkler. Sie traute sich kaum, ihr in die Augen zu schauen. Sie ging an ihr Handy.<\/p>\n<p>Es war der H\u00f6hepunkt einer Geschichte, die beinahe unglaublich klingt. Und doch ist sie wahr. Anisha M\u00f6rtl hat sie selber erlebt und aufgeschrieben. \u201eLotostochter. Ich bin ein gestohlenes Kind\u201c.<\/p>\n<p>Dieses Buch wirft ein Schlaglicht auf ein Thema, das immer nur dann in den Fokus der \u00d6ffentlichkeit r\u00fcckt, wenn Prominente zwecks Familiengr\u00fcndung in die Dritte Welt reisen und mit einem kakaofarbenen Kind mit gro\u00dfen Augen wieder zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>Anisha M\u00f6rtl machen solche Berichte w\u00fctend. Sie sagt, Auslandsadoptionen f\u00f6rderten zwar das Image der Adoptiveltern. Siehe Angelina Jolie. Doch wer frage danach, was mit den Kinder passiere, wenn man sie aus ihrer Familie rei\u00dfe und sie ihrer Kultur entfremde.<\/p>\n<p>Ausgerenkte Wirbel, eine vor\u00fcbergehende Gesichtsl\u00e4hmung, Depressionen. Das waren in ihrem Fall die Folgen. Und was beinahe noch schwerer wog: Das Gef\u00fchl, eine blinde Passagierin in ihrem eigenen Leben zu sein, dominiert von einer Adoptivmutter, die nicht m\u00fcde wurde, Dankbarkeit einzufordern.<\/p>\n<p>Darum, sagt Anisha M\u00f6rtl am Telefon, habe sie dieses Buch geschrieben: um den sch\u00f6nen Schein von Auslandsadoptionen zu entlarven. Ein Einzelfall ist ihre Geschichte n\u00e4mlich nicht.<\/p>\n<p>Gertraud Knuth von der \u201eInitiative AdoptionsOpfer\u201c wei\u00df von 1700 indischen Kindern, die allein in den neunziger Jahren von der staatlich zugelassenen Vermittlungsstelle pro infante nach Deutschland vermittelt wurden &#8211; darunter auch ihre eigene Adoptiv-Tochter, Siema.<\/p>\n<p>Das M\u00e4dchen war zw\u00f6lf, als sein Vater starb und die Mutter sie in die Obhut von Ordenschwestern der ber\u00fchmten Mutter Teresa gab &#8211; in dem Vertrauen darauf, die Tochter nach einer Woche wieder abholen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Stattdessen wurde Siema mit einer gef\u00e4lschten Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung ihrer Mutter nach Deutschland verfrachtet und \u00fcber die staatlich lizensierte Vermittlungsstelle pro infante zur Adoption freigegeben.<\/p>\n<p>Siema hatte Gl\u00fcck, dass sie bei den Knuths in Bayern landete. Neben ihren beiden leiblichen T\u00f6chtern hatte die Familie schon zwei Jungs aus Brasilien adoptiert. Sie unterst\u00fctzte das M\u00e4dchen bei seinem Wunsch, zu seiner Familie zur\u00fcckzukehren. Und sie stellte Nachforschungen \u00fcber pro infante an. So flog der Kinderhandel auf.<\/p>\n<p>Lesen Sie auf der n\u00e4chsten Seite wie die Knuths reagierten&#8230;<\/p>\n<p>Die Knuths verklagten pro infante auf Schadensersatz &#8211; ohne Erfolg. Das Gericht best\u00e4tigte zwar, dass die Voraussetzungen f\u00fcr die Adoption nicht ordnungsgem\u00e4\u00df waren. Es befand jedoch, dass es nicht die Aufgabe deutscher Vermittler sei, das indische Verfahren zu pr\u00fcfen. Im Klartext: F\u00fcr die Fehler der Ordensschwestern ist hierzulande niemand haftbar.<br \/>\nSo war es auch im Fall Anisha. Formell hatten ihre Adoptiv-Eltern alles richtig gemacht. Sie hatten sich beim Jugendamt beworben und darauf vertraut, dass die von der Beh\u00f6rde eingeschaltete Vermittlungsstelle legal handelte. Sie waren 1991 selber nach Hyderabad gereist, um alle erforderlichen Dokumente zu besorgen und ihr Kind nach Hause zu holen.<br \/>\nDass die Papiere gef\u00e4lscht waren, wollen sie erst erfahren haben, als Anisha schon von zu Hause ausgezogen war, nach jahrelangen Querelen mit ihrer Adoptivmutter.<br \/>\nEs war Gertraud Knuth, die Anisha M\u00f6rtl den Kontakt zu einer indischen Menschenrechtlerin vermittelte. Die sp\u00fcrte ihre leibliche Mutter auf. Fatima.<br \/>\nEine Angeh\u00f6rige der Kaste der Unber\u00fchrbaren. Eine Frau ohne Familiennamen. Ihr Mann hatte sie w\u00e4hrend der Schwangerschaft verlassen.<br \/>\nSie war bei Anishas Geburt sterilisiert worden &#8211; ohne ihr Einverst\u00e4ndnis. Das einzige Kind nahmen ihr die Ordensschwestern fort. Sie sprachen der Muslima die F\u00e4higkeit ab, die Tochter gro\u00dfzuziehen.<\/p>\n<p>Bei ihrem Besuch in Hyderabad konnte sich Anisha jedoch vom Gegenteil \u00fcberzeugen. Fatima hatte ein zweites Mal geheiratet. Sie lebte in einfachen, aber intakten Verh\u00e4ltnissen. Ihre Familie nahm Anisha mit einer Herzlichkeit auf, die sie, die Tochter \u00fcberw\u00e4ltigte.<br \/>\nEine Woche verbrachte sie in Hyderabad. Viel zu wenig, um sich der Frau anzun\u00e4hern, die ihr das Leben geschenkt hatte. Dennoch, sagt die 21-J\u00e4hrige, sei die Reise ein wichtiger Schritt gewesen.<br \/>\nDie Begegnung mit ihrer Mutter fiel nicht so aus, wie sie es sich ertr\u00e4umt hatte. Doch sie hat Fatima versprochen, nach Indien zur\u00fcckzukommen und ihre Sprache zu lernen, sobald sie ihr Studium beendet hat. Schlie\u00dflich, sagt sie, habe sie ihr geholfen, ihre innere Zerrissenheit zu \u00fcberwinden. \u201eDie Reise zu ihr hat mich auf den Boden gebracht.\u201c<\/p>\n<p>Beim Kinderhilfswerk Terre des hommes kennt man Anisha M\u00f6rtl nicht. Es hei\u00dft dort, um F\u00e4lle wie den ihren zu verhindern, habe der Bundesrat 2001 die Haager Konvention \u00fcber Internationale Adaptionen ratifiziert. Es schreibt zum Beispiel vor, dass Kinder nur dann adoptiert werden d\u00fcrfen, wenn im eigenen Herkunftsland keine Verwandten oder Pflegefamilien gefunden wurde.<br \/>\nDoch dass diese Regelung Kindern aus Katastrophengebieten und der Dritten Welt keinen 100prozentigen Schutz gew\u00e4hrt, dar\u00fcber macht man sich keine Illusionen. Kindersch\u00fctzer vermuten, dass in der BRD jede dritte internationale Adoption ohnehin ohne staatliche Begleitung erfolgt &#8211; eine L\u00fccke im deutschen Adoptionsrecht macht es m\u00f6glich.<br \/>\nDie Folge: Zuverl\u00e4ssige Zahlen kann die Bundeszentralstelle f\u00fcr Auslandsadoptionen in Bonn nicht nennen. Man erf\u00e4hrt lediglich, dass 2010 382 Kinder mit staatlicher Hilfe ins Inland geholt wurden, die nicht mit ihren Eltern verwandt waren.<br \/>\nVon F\u00e4llen, in denen sie mit gef\u00e4lschten Papieren eingereist sind, will man in der Beh\u00f6rde nichts wissen. Dabei ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis auch dort Menschen anklopfen, die dem Staat vorwerfen, er habe stillschweigend ihre Verschleppung sanktioniert.<br \/>\nDas Krankenhaus in Hyderabad, in das Anisha M\u00f6rtl 1990 verschleppt wurde, rangiert jetzt als Kinderheim. Auf dem Schild steht \u201eTender Loving Care Home\u201c.<br \/>\nAnisha M\u00f6rtl, Lotostochter, Ich bin ein gestohlenes Kind, S\u00fcdwest-Verlag, 17,99 Euro.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Source:\u00a0http:\/\/www.cicero.de AUSLANDSADOPTIONEN\u00a0VON\u00a0ANTJE HILDEBRANDT 29. NOVEMBER 2011 Hat ihre Adoptionsgeschichte von Indien nach Deutschland aufgeschrieben: Anisha M\u00f6rtl Anisha M\u00f6rtl war elf Monate alt, als sie zu deutschen Adoptiveltern kam. Jetzt hat sie ihre Autobiographie geschrieben. 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