{"id":401,"date":"2010-05-15T15:39:11","date_gmt":"2010-05-15T15:39:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.againstchildtrafficking.org\/new\/?p=401"},"modified":"2011-11-09T10:34:35","modified_gmt":"2011-11-09T10:34:35","slug":"der-verlorene-sohn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/der-verlorene-sohn\/","title":{"rendered":"Der verlorene Sohn"},"content":{"rendered":"<div>Source: <a href=\"http:\/\/www.scribd.com\/doc\/72129812\">TAZ<\/a><\/div>\n<div>\n<ul>\n<li>15.05.2010<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<div>\n<p>AUSLANDSADOPTION Eine Familie in \u00c4thiopien hat viele Kinder und kein Geld, um sie zu ern\u00e4hren. Eine deutsche Familie hat Geld und will ein Kind. Zwischen ihnen vermittelt eine Agentur. Ein Gesch\u00e4ft mit der Hoffnung<\/p>\n<p>VON GRETA TAUBERT UND BENJAMIN REUTER<\/p>\n<p>Was hat er nur getan? Abadi Kebede* verharrt zusammengekauert auf einem Holzschemel. Er will nicht mehr \u00fcber die Sache reden. Will sich nicht mehr an die Details erinnern. Will sich nicht mehr schuldig f\u00fchlen. Es \u00e4ndert ja doch nichts daran, dass er in dieser runden Lehmh\u00fctte mit Strohdach wohnt, in der dichter Rauch eines Holzfeuers h\u00e4ngt. Seine Kleidung ist zerrissen und hat die gleiche rotbraune Farbe wie der Lehm, aus dem er sein Haus bei Shinshizo im S\u00fcden \u00c4thiopiens gebaut hat. Das Geld seiner Tagel\u00f6hner-Arbeit in einer Holzfabrik reicht nicht f\u00fcr neue Hemden &#8211; es reicht nicht einmal, um seine Familie satt zu bekommen. &#8222;Von meinen f\u00fcnf Kindern wohnt nur noch eines hier&#8220;, sagt Kebede. Eins wird von der Gro\u00dfmutter aufgezogen, zwei sind bei der Schwester. Und das f\u00fcnfte?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Die Leute hier sagen, ich h\u00e4tte meinen Sohn nach Deutschland verkauft.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ein \u00e4thiopischer Vater will seinem Kind helfen<\/strong><\/p>\n<p>Das ist die Geschichte des \u00e4thiopischen Jungen Edo*, der mit kaum drei Jahren aus seinem alten Leben gerissen wurde.<\/p>\n<p>Sein Weg in ein neues Leben verbindet einen Vater in \u00c4thiopien, der auf ein besseres Leben hofft, mit einer deutschen Frau, die f\u00fcr ein gesundes Baby fast alles tun w\u00fcrde. Er erz\u00e4hlt von dem \u00dcberlebenskampf eines \u00e4thiopischen Waisenhauses, das seine Sch\u00fctzlinge zum Export freigibt, um andere Kinder versorgen zu k\u00f6nnen. Und er zeigt das Gesch\u00e4ftsmodell einer deutschen Adoptionsvermittlungsstelle, die in guter Absicht ein schlechtes System unterst\u00fctzt. Sie alle haben gro\u00dfe Hoffnungen an Edos Weg in ein anderes Leben gekn\u00fcpft. Und sie alle wurden entt\u00e4uscht &#8211; wegen einer L\u00fcge.<\/p>\n<p>Die Geschichte beginnt an einem Nachmittag im Winter vor zwei Jahren. Damals kam ein Mann in die H\u00fctte von Abadi Kebede. Er ging die ausgewaschenen Wege mit den Eukalyptusb\u00e4umen entlang, bog in das umz\u00e4unte Grundst\u00fcck ein, setzte sich zu ihm und sprach ein sch\u00f6nes Wort aus, das Kebede nie zuvor geh\u00f6rt hatte: Adoption. &#8222;H\u00f6r mal&#8220;, sagte der Mann, an dessen Namen sich der Familienvater wie an seine Worte noch genau erinnert. &#8222;Du bist arm, deine Kinder leiden. Gib sie zu einer Familie in den Westen und es wird euch besser gehen. Sie werden eine gute Ausbildung bekommen und euch sp\u00e4ter unterst\u00fctzen.&#8220; Kebede, der selbst nie eine Schule besucht hat, fand die Idee gut.<\/p>\n<p>Damals, sagt er, habe er \u00fcberlegt: Wenn ein Kind weg ist, dann m\u00fcsste er nicht mehr hungern. Vielleicht w\u00fcrde die neue, reiche Familie ihm Geld schicken. Dann k\u00f6nnte er \u00c4thiopien verlassen, nach S\u00fcdafrika gehen, eine richtige Arbeit finden, eine Wohnung mit Wasseranschluss. Seine Tr\u00e4ume wuchsen, am Ende waren sie gr\u00f6\u00dfer als die braunen Augen seines Sohnes. Und ob er Edo nun zu den Nachbarn gebe oder in eine nette wei\u00dfe Familie, das mache doch kaum einen Unterschied. Oder doch?<\/p>\n<p>&#8222;Um ehrlich zu sein, finde ich es schwer zu verstehen, was Adoption bedeutet&#8220;, sagt Kebede. Es hei\u00dft, dass die Deutschen Edo nicht wie den Nachbarsjungen, sondern wie einen eigenen Sohn aufziehen werden. Und dass er sich im Idealfall in 15 Jahren nicht mehr wie das Kind eines armen \u00c4thiopiers f\u00fchlt, sondern wie ein privilegierter Deutscher. Mit jeder neuen Erkl\u00e4rung, die Kebede unterschrieb, mit all den Papierstapeln, wuchs seine Hoffnung. Am Ende hat er Edo zur Adoption ins Ausland freigegeben.<\/p>\n<p>\u00c4thiopien ist eines der wenigen L\u00e4nder der Welt, in denen die Adoption \u00fcber Kontinente hinweg noch m\u00f6glich ist. In der ganzen Europ\u00e4ischen Union beispielsweise d\u00fcrfen keine Kinder an Eltern au\u00dferhalb der EU vermittelt werden. Wie viele es genau in \u00c4thiopien sind, dar\u00fcber gibt es keine offiziellen Statistiken. Aus einem internen Papier der US-Botschaft in Addis Abeba vom 29. April 2008 geht hervor: Mindestens 3.000 Kinder sollen in dem Jahr in den Westen adoptiert worden sein. Die Zahlen, wird darin bef\u00fcrchtet, w\u00fcrden weiter steigen. Die meisten Kinder finden in den Vereinigten Staaten, Frankreich oder Italien ein neues Zuhause. F\u00fcr Deutschland verzeichnet das Statistische Bundesamt f\u00fcr das Jahr 2008 genau 47 Adoptionen aus \u00c4thiopien. Ein Jahr sp\u00e4ter waren es schon doppelt so viele, glaubt man den in Deutschland vermittelnden Adoptionsagenturen: dem Evangelischen Verein f\u00fcr Adoptions- und Pflegekindervermittlung Rheinland und Eltern f\u00fcr Afrika. Diesen privaten Organisationen hat der \u00e4thiopische Staat eine Genehmigung erteilt. Die Lizenz, Kinder in ihr Land zu holen. Auch ihre Zahl w\u00e4chst laut einem vertraulichen Papier der Europ\u00e4ischen Adoptionsvermittlungsstellen vom M\u00e4rz 2008 &#8211; zuletzt auf 69.<\/p>\n<p>Wegen des starken Anstiegs sprechen Kritiker von einem Adoptionsmarkt, der bestimmt ist von Angebot und Nachfrage. Auf der einen Seite steht eine gro\u00dfe Zahl Kinder, die arm aufwachsen. Auf der anderen wei\u00dfe, wohlhabende Eltern, die sich unbedingt ein Kind w\u00fcnschen. Das sieht auf den ersten Blick wie eine gute Kombination aus, wenn es nicht auch noch etwas anderes w\u00e4re: ein Gesch\u00e4ft. Eine Adoption kostet je nach Agentur und Land zwischen 9.000 und 16.000 Euro. Nimmt man davon den Mittelwert und multipliziert ihn mit den gesch\u00e4tzten 3.000 adoptierten Kindern, hie\u00dfe das, dass allein im vergangenen Jahr um die 37 Millionen Euro damit umgesetzt wurden, Kinder aus \u00c4thiopien zu adoptieren.<\/p>\n<p>&#8222;Immer, wenn f\u00fcr die Vermittlung von Kindern Geld flie\u00dft und einige Akteure daran verdienen, ist das Kinderhandel&#8220;, sagt Roelie Post. Die niederl\u00e4ndische Menschenrechtsaktivistin scheut sich nicht vor der Wucht dieses Wortes, um das internationale Adoptionssystem zu beschreiben.<\/p>\n<p>Post war von 1999 bis 2005 in der Europ\u00e4ischen Kommission in Br\u00fcssel zust\u00e4ndig f\u00fcr den Schutz von Kinderrechten in Rum\u00e4nien. Damals lernte sie, worauf das System aufgebaut ist. &#8222;Politischer Druck, L\u00fcgen, Korruption, falsche Identit\u00e4ten.&#8220; Sie arbeitet im Keller ihres Wohnhauses, nur zwei Stra\u00dfenecken entfernt von den gl\u00e4sernen Kl\u00f6tzen der EU-Kommission. Von hier aus bek\u00e4mpft sie mit ihrer Organisation Against Childtrafficking das System zwischenstaatlicher Adoptionen. Als sie noch f\u00fcr die EU arbeitete, hat sie mit anderen daf\u00fcr gesorgt, dass Rum\u00e4nien die Adoption von Kindern ins Ausland komplett stoppte &#8211; wegen der kriminellen Strukturen. Nun erlebt sie, wie in \u00c4thiopien ein neuer Markt entsteht. Ihr Hauptargument: &#8222;Der Handel mit Kindern ist gesteuert von der Nachfrage des Westens.&#8220; Weil es in Deutschland, Frankreich oder den USA nicht genug Kinder gebe, die adoptiert werden k\u00f6nnen, schauen sich potentielle Eltern in anderen Teilen der Welt um. Auch Claudia Renner* hat das getan.<\/p>\n<p><strong>Eine deutsche Frau will ein &#8222;sch\u00f6nes Baby&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Es war im Winter 2005, da sp\u00fcrte die Bibliothekarin diese seltsame Angst. Die Frau mit den kurzen, schwarzen Haaren ging damals auf die vierzig zu, sie hatte keinen Mann, etwas fehlte in ihrem Leben. &#8222;Ich w\u00fcnschte mir so sehr ein Kind und bekam irgendwie Torschlusspanik&#8220;, sagt sie. Aber als Singlefrau h\u00e4tte sie in Deutschland nicht adoptieren d\u00fcrfen. Schon immer hatte sie einen &#8222;Hang zum Fremden&#8220;, sagt sie, zu Afrika. Und sie w\u00fcnschte sich ein &#8222;sch\u00f6nes Baby&#8220;. Sie wurde Mitglied in Adoptionsforen im Internet und besuchte Seminare. Als Renner im Mai 2006 schlie\u00dflich einen Vertrag mit der Adoptionsagentur Eltern f\u00fcr Afrika unterzeichnete, verwandelte sich ihre Angst vor der Kinderlosigkeit in pures Gl\u00fcck. Sie f\u00fchlte sich leicht und frei, bereitete sich wie im Rausch auf ihr neues Leben mit einem Kind vor. Unter der Woche arbeitete sie in der Bibliothek, am Wochenende setzte sie sich nachts in das Empfangsh\u00e4uschen einer Klinik, um die Adoptionskosten bezahlen zu k\u00f6nnen. Ihre Gedanken drifteten zu ihrem zuk\u00fcnftigen Wunschkind. Sie machte mit ihm schon Ausfl\u00fcge in den Zoo, fuhr mit ihm Rad. &#8222;Ein ganz klarer Fall von adoptionsschwanger&#8220;, sagt sie.<\/p>\n<p>Und dann kam er schlie\u00dflich: ihr Sohn. Zumindest auf dem Papier, dem &#8222;Kindervorschlag&#8220; der Adoptionsagentur. Ein schwarzer Junge mit lila Trainingshose stand vor einem Trampolin, auf einem anderen Bild hat er eine gelbe Kapuze mit Ohren auf dem Kopf. Edo: 18 Kilo schwer, 97 Zentimeter gro\u00df, eine Narbe am rechten Bein. Lieblingsspeise: Reis und das ges\u00e4uerte Fladenbrot Injera. Laut den Unterlagen ist er 2005 geboren worden, seine Mutter sei ein Jahr sp\u00e4ter an Gelbfieber gestorben. Weil die neue Frau des Vaters das Kind nicht gro\u00dfziehen wolle und die Familie kaum genug Geld habe zum \u00dcberleben, werde er zur Adoption freigegeben, hie\u00df es in den Papieren. Sie musste nur ins Flugzeug steigen, um ihren Kleinen pers\u00f6nlich zu treffen. Doch so weit kam es nicht.<\/p>\n<p>Renner lernte einen Mann kennen. Das h\u00e4tte perfekt zur Familienplanung gepasst, aber nicht zur B\u00fcrokratie. Sie hatte sich als alleinerziehende Mutter beworben. Das Verfahren wurde gestoppt. Renner war geschockt. Wo w\u00fcrde ihr Sohn hinkommen? Was passiert mit ihm?<\/p>\n<p>\u00dcber Internetforen versuchte Claudia Renner, neue Details \u00fcber Edos Verbleib herauszubekommen. Es sind haupts\u00e4chlich diese Onlinezirkel, die die Adoptionsgemeinschaft zusammenhalten. Nach au\u00dfen sind sie geradezu hermetisch abgeriegelt. Wer nicht seine Personalausweisnummer oder eine nachverfolgbare Festnetznummer einreicht, kommt nicht hinein. Und wer nicht wenigstens ein Informationsseminar bei einer Adoptionsagentur besucht hat, scheint verd\u00e4chtig. Die Sorge, jemand k\u00f6nnte nach all den M\u00fchen ihre Pl\u00e4ne durchkreuzen, macht die Mitglieder \u00e4ngstlich. Au\u00dferdem werden Auslandsadoptionen ohnehin misstrauisch be\u00e4ugt. Nicht zuletzt, weil 2005 eine Agentur nach Betrugsvorw\u00fcrfen geschlossen wurde.<\/p>\n<p>Bei Gespr\u00e4chen mit Adoptiveltern, Adoptierten, Adoptionsvereinen, Adoptionswilligen sowie den zust\u00e4ndigen Vermittlungsstellen und Beh\u00f6rden f\u00e4llt auf, wie zur\u00fcckhaltend die Szene gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit ist. Wenige wollen \u00fcberhaupt reden, so gut wie keiner mit Klarnamen in der Zeitung stehen. Es herrscht ein Gebot des Schweigens, dass kaum einer bricht. In \u00c4thiopien kann es gef\u00e4hrlich werden, offen Nachforschungen \u00fcber das Adoptionssystem anzustellen. Edos Reise lie\u00df sich vollst\u00e4ndig nur mit verdeckten Recherchen in Ministerien und Waisenh\u00e4usern rekonstruieren.<\/p>\n<p>Das Waisenhaus Gelgela, in dem Edo einige Monate verbrachte, liegt mitten in der \u00e4thiopischen Hauptstadt Addis Abeba. \u00dcber der Dreimillionenstadt h\u00e4ngt eine Ru\u00dfglocke, auf den Stra\u00dfen dr\u00e4ngeln sich blau-wei\u00dfe Minibusse durch den Verkehr, auf den Gehwegen kauen die Verk\u00e4ufer Kath. Kein Schild, kein Name, keine Klingel weist darauf hin, was sich hinter dem drei Meter hohen Tor verbirgt. Nur das Geschrei spielender Kinder \u00fcberwindet den Stacheldraht auf der Mauer, die das Haus nach au\u00dfen abschirmt. Im Hof steht ein Eisenkarussell mit acht Sitzen. Kleine Hosen h\u00e4ngen auf den W\u00e4scheleinen \u00fcber einer winzigen Gr\u00fcnfl\u00e4che. Fotografieren ist hier streng verboten. In den verwinkelten R\u00e4umen im Inneren sitzen die Mitarbeiter von Gelgela in stickigen B\u00fcros. Sie machen ein besorgtes Gesicht, wenn man sie darauf anspricht, dass Elternteile ihre Kinder zur Adoption freigeben. &#8222;Nat\u00fcrlich ist das psychologisch problematisch &#8211; f\u00fcr Eltern und Kinder&#8220;, sagt einer. &#8222;Es w\u00e4re besser f\u00fcr die Kinder, in ihrem eigenen kulturellen Umfeld zu bleiben.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Eine Augsburger Agentur will mehr als 12.000 Euro<\/strong><\/p>\n<p>Aber so sehr die Heimangestellten das auch wollen &#8211; am Ende fehlt es an Geld. Der \u00e4thiopische Staat kann es sich nicht leisten, Waisenh\u00e4user finanziell zu unterst\u00fctzen. Deswegen sind die Heime auf ausl\u00e4ndische Spender angewiesen. Was diese Verquickung bedeutet, ist den europ\u00e4ischen Adoptionsvermittlungsstellen in Addis Abeba bewusst. In ihrem vertraulichen Report vom M\u00e4rz 2008 hei\u00dft es: &#8222;Je mehr Geld in die Waisenh\u00e4user flie\u00dft, umso mehr Kinder werden f\u00fcr Adoptionen freigegeben. Das befeuert den Wettbewerb der Organisationen bei der Kindersuche. Und wir alle wissen, dass Geld in diesem Prozess eine Rolle spielt &#8211; bares Geld, teure Geschenke, Renovierungsarbeiten in den Waisenh\u00e4usern.&#8220;<\/p>\n<p>Die Schl\u00fcsselstelle in Sachen Geldverteilung sind die Adoptionsagenturen. Sie selbst nennen sich Vermittlungsstellen. Das klingt weniger nach Geld, nicht nach Handel. Am st\u00e4rksten vertreten ist der Verein Eltern f\u00fcr Afrika, \u00fcber den auch Edo nach Deutschland geholt wurde. Das B\u00fcro des Vereins liegt im zweiten Stock eines stattlichen Gr\u00fcnderzeithauses im Zentrum von Augsburg. Zw\u00f6lf Angestellte arbeiten hier. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen die Fotos der Kinder, die der Verein nach Deutschland vermittelt hat. Lachende Gesichter. Hundertvierzig sind es seit der Gr\u00fcndung 2006. Raimund Marz-Deibele empf\u00e4ngt den Besucher in braunem Cordjackett. Er tr\u00e4gt eine schwarz gerahmte Brille, grauen Bart und kurze Haare. Seine Hautfarbe zeugt von h\u00e4ufigen Afrikaaufenthalten.<\/p>\n<p>Vor zehn Jahren war er das erste Mal in Addis Abeba. Er baute ein soziales Projekt f\u00fcr Stra\u00dfenm\u00fctter auf. Bald merkte er, dass man manchen vor Ort nicht weiterhelfen konnte. &#8222;Also haben wir als letztes Mittel die internationale Adoption eingef\u00fchrt.&#8220;<\/p>\n<p>Mehr als zw\u00f6lftausend Euro sollte Claudia Renner bei ihm investieren, um Edo aufnehmen zu k\u00f6nnen. Die n\u00f6tigen Dokumente zusammenstellen zu lassen und die Adoption vorzubereiten kostet einen Bewerber ihren Unterlagen zufolge bereits \u00fcber f\u00fcnftausend Euro.<\/p>\n<p>Der Rest flie\u00dft einerseits in die aufw\u00e4ndige Kommunikation zwischen Jugend\u00e4mtern, Ausl\u00e4nderamt, Gericht, Ordnungsamt und dem \u00e4thiopischen Sozialministerium. Etwa genauso viel, also rund 3.500 Euro, geht direkt nach \u00c4thiopien. Damit unterhalten die Agenturen vor Ort nicht nur gute Beziehungen zu den Waisenh\u00e4usern, sondern bauen auch eigene Unterk\u00fcnfte, so genannte \u00dcbergangsheime. Dort kommen zur Adoption freigegebene Kinder hin, um sie auf ihre neue Heimat vorzubereiten. Der Standard ist wesentlich h\u00f6her als in Waisenh\u00e4usern wie Gelgela.<\/p>\n<p>In Edos \u00dcbergangsheim am Rand der Stadt bl\u00fchen Str\u00e4ucher im Hof, auf einer Grasfl\u00e4che liegt Spielzeug. Es gibt eine K\u00fcche, in der f\u00fcr die Kinder drei Mal am Tag gekocht wird. Gegen\u00fcber sind eine Arztpraxis und eine eigene Apotheke. Mehr als drei\u00dfig Kinderm\u00e4dchen k\u00fcmmern sich um die Babys und Kleinkinder. Wer es bis in ein solches \u00dcbergangsheim geschafft hat, ist meist schon so gut wie im Westen. Das wissen die Kinder und versuchen, sich von ihrer besten Seite zu zeigen, wenn wei\u00dfe Besucher kommen: Schulklassen stehen auf und singen ein deutsches Kinderlied, manche rufen &#8222;Mama&#8220; oder greifen gleich nach der Hand des Gastes. Es k\u00f6nnte ja sein, dass die sie in ein neues Leben f\u00fchrt. Die Kinder haben verstanden, dass das ein Markt ist. Sie sind das Angebot.<\/p>\n<p>Ein sieben Jahre alter, k\u00f6rperlich und geistig behinderter Junge kommt auf den Heimleiter Awgichew Ergette zugelaufen, streckt ihm seine H\u00e4nde entgegen. &#8222;Er ist schon einige Jahre hier&#8220;, sagt Ergette, &#8222;aber wir finden einfach keine Adoptivfamilie f\u00fcr ihn.&#8220; Wer HIV positiv, blind, behindert oder \u00fcber f\u00fcnf Jahre alt ist, hat so gut wie keine Chance mehr, adoptiert zu werden. Fast alle westlichen Familien geben in ihren Frageb\u00f6gen an, dass ihr Wunschkind gesund und jung sein soll.<\/p>\n<p>Aber da gibt es ein Problem: Von den laut Kinderhilfswerk Unicef f\u00fcnf Millionen Waisen in \u00c4thiopien entsprechen zu wenige den W\u00fcnschen. Wenn es aber nicht genug gesunde verwaiste S\u00e4uglinge gibt &#8211; warum steigen dann die Adoptionszahlen?<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe gelogen&#8220;, sagt Abadi Kebede, der Vater, und seine Stimme klingt, als versacke sie im Lehmboden. Auf den Papieren der Beh\u00f6rden, vor dem Richter und den neuen Eltern hat er seine Ehefrau f\u00fcr tot erkl\u00e4rt &#8211; jene junge Frau, die jetzt im Dunkel der H\u00fctte neben ihm sitzt und schweigt. W\u00e4re sie auf dem Papier noch am Leben, dann w\u00e4re Edo keine Halbwaise eines mittellosen Vaters, dann h\u00e4tte er gar nicht adoptiert werden d\u00fcrfen. Kebede hatte getan, was er bei seinen Nachbarn gesehen hatte. Viele in seinem Dorf haben ein Kind zur Adoption freigegeben. Sie alle hatten die Hoffnung, dass das einen Weg in ein besseres Leben er\u00f6ffnen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Dann gestehen sie ein: Der Junge ist keine Waise<\/strong><\/p>\n<p>In Augsburg reagiert Agenturchef Marz-Deibele geschockt, wenn man ihn mit dem Fall Edo konfrontiert. &#8222;Das kann eigentlich nicht sein.&#8220; Sofort veranlasst er Nachforschungen, schickt Mitarbeiter vor Ort los, spricht mit Beh\u00f6rden. Wenige Tage sp\u00e4ter gesteht er ein: &#8222;Edo ist kein Waisenkind.&#8220; Marz-Deibele wei\u00df, dass es f\u00fcr ihn gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnte. Dass die Glaubw\u00fcrdigkeit seiner Agentur auf dem Spiel steht, dass Schweigen bei der \u00d6ffentlichkeit nicht gut ankommt. &#8222;Ich habe einen zweiten Rechercheur eingestellt und die Zusammenarbeit mit dem Waisenhaus Gelgela abgebrochen&#8220;, sagt er. Er folgt damit den Auflagen der zust\u00e4ndigen Adoptionsbeh\u00f6rde in Bayern. Das Gesch\u00e4ft kann weiter wachsen. Dass das System das Problem ist, sieht er nicht.<\/p>\n<p>Dabei ist Edo kein Einzelfall. Die Organisation Against Childtrafficking hat am Beispiel der niederl\u00e4ndischen Adoptionsagentur Wereldkinderen nachgewiesen, dass es sich bei drei von 25 untersuchten Vermittlungen gar nicht um Waisen handelte. Zwischen \u00d6sterreich und \u00c4thiopien sind die Adoptionsvermittlungen sogar ganz zum Erliegen gekommen, nachdem ein Fall von gef\u00e4lschten Papieren bekannt geworden ist. Und k\u00fcrzlich hat die US-Botschaft in Addis Abeba angek\u00fcndigt, Adoptionen des Waisenhauses Gelgela genau zu untersuchen, neun weiteren Waisenh\u00e4usern hat der \u00e4thiopische Staat die Lizenz entzogen. Auf den Fall Edo reagiert die zust\u00e4ndige deutsche Beh\u00f6rde noch gelassen. Grunds\u00e4tzliche Konsequenzen will man bei der Zentralen Adoptionsstelle Bayerns vorerst nicht ziehen. Und r\u00fcckg\u00e4ngig machen will Edos Adoption auch niemand.<\/p>\n<p>Abadi Kebede bekommt jetzt gelegentlich Post aus Edos neuem Leben. Die Familie in Deutschland will zeigen, wie gut es ihm geht.<\/p>\n<p>Er ist mittlerweile f\u00fcnf und hat einen Bruder mit blondem Pagenschnitt, einen Vater mit verschmitzten Lachfalten um die Augen und eine Mutter mit schwarzem Haar. Auf den Stra\u00dfen einer s\u00fcddeutschen Gro\u00dfstadt lernt er Fahrrad fahren. Familienfotos zeigen alle, wie sie aneinandergeschmiegt lachen. Der Vater sagt am Telefon, dass er nicht mit der Presse reden m\u00f6chte. Er will sein Kind sch\u00fctzen. Vor der L\u00fcge und der Verzweiflung. Vor den falschen Hoffnungen.<\/p>\n<p>Vor Edos eigener Geschichte.<\/p>\n<p><em>*\u00a0Namen ge\u00e4ndert<\/em><\/p>\n<h5><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.taz.de\/gifs\/bl.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" \/> <strong>Greta Taubert<\/strong>, 26, ist freie Autorin in Berlin<\/h5>\n<h5><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.taz.de\/gifs\/bl.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" \/> <strong>Benjamin Reuter<\/strong>, 30, ist freier Autor in Hamburg<\/h5>\n<p>&#8222;Wenn Geld flie\u00dft und Akteure verdienen, ist das Kinderhandel&#8220;<\/p>\n<p>Roeli Post, Menschenrechtsaktivistin<\/p>\n<h1>Weg nach Europa<\/h1>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.taz.de\/gifs\/bl.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" \/> <strong>Das Verfahren:<\/strong> In Deutschland k\u00f6nnen neben den Jugend\u00e4mtern in L\u00e4ndern und Kommunen auch private Organisationen internationale Adoptionen vermitteln. Agenturen &#8211; wie Eltern f\u00fcr Afrika &#8211; pr\u00fcfen die Eignung der Bewerber als V\u00e4ter oder M\u00fctter. Anschlie\u00dfend \u00fcbermittelt die Agentur einen Kindervorschlag, der innerhalb von drei Tagen angenommen oder abgelehnt werden muss. Entscheiden sich die Bewerber f\u00fcr das Kind, urteilt zun\u00e4chst ein \u00e4thiopisches Gericht \u00fcber die Adoption. In das deutsche Anerkennungsverfahren sind dann auch Ausl\u00e4nderamt und Bundesanwalt involviert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.taz.de\/gifs\/bl.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" \/> <strong>Die Zahlen: <\/strong>Laut dem Statistischen Bundesamt wurden 2008 insgesamt 47 Kinder aus \u00c4thiopien nach Deutschland vermittelt &#8211; an nichtverwandte Familien. Vorher schwankten die Zahlen jahrelang um die 20. Im Jahr 2008 kamen 91 Kinder aus Afrika nach Deutschland. Aus Asien werden 117 Adoptionen verzeichnet, aus Amerika 112. Insgesamt wurden in Deutschland 4.201 Kinder adoptiert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.taz.de\/gifs\/bl.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" \/> <strong>Die Kritik:<\/strong> Aktivisten warnen, dass die Vermittlung zu einem Gesch\u00e4ft wird, das ein Angebot f\u00fcr die westliche Nachfrage schafft. &#8222;Die hohen Preise, die die Agenturen f\u00fcr eine Adoption berechnen, sind h\u00e4ufig nicht gerechtfertigt durch reale Kosten. Auslandsadoptionen sind so zu einem Markt geworden&#8220;, sagt Brigitte Siebert von der Zentralen Beh\u00f6rde f\u00fcr Auslandsadoption in Hamburg.<\/p>\n<\/div>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Source: TAZ 15.05.2010 AUSLANDSADOPTION Eine Familie in \u00c4thiopien hat viele Kinder und kein Geld, um sie zu ern\u00e4hren. Eine deutsche Familie hat Geld und will ein Kind. Zwischen ihnen vermittelt eine Agentur. Ein Gesch\u00e4ft mit der Hoffnung VON GRETA TAUBERT UND BENJAMIN REUTER Was hat er nur getan? Abadi Kebede* verharrt zusammengekauert auf einem Holzschemel&#8230;.  <a class=\"excerpt-read-more\" href=\"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/der-verlorene-sohn\/\" title=\"Read Der verlorene Sohn\">Weiter &raquo;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,10],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/401"}],"collection":[{"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=401"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6598,"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/401\/revisions\/6598"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}