{"id":347,"date":"2010-01-09T14:36:35","date_gmt":"2010-01-09T14:36:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.againstchildtrafficking.org\/new\/?p=347"},"modified":"2010-08-20T16:36:04","modified_gmt":"2010-08-20T16:36:04","slug":"adoption-nach-dem-erdbeben-hilfe-oder-geschaftemacherei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/adoption-nach-dem-erdbeben-hilfe-oder-geschaftemacherei\/","title":{"rendered":"Adoption nach dem Erdbeben: Hilfe oder Gesch\u00e4ftemacherei?"},"content":{"rendered":"<div>Source: <a href=\"http:\/\/www.evangelisch.de\" target=\"_blank\">www.evangelisch.de<\/a><\/div>\n<p>9. Januar 2010<\/p>\n<p>Adoption &#8211; hilfreiches Instrument f\u00fcr verwaiste Kinder nach der Erdbebenkatastrophe? Diese Kinder in Port-au-Prince beobachten die Helikopter mit Hilfslieferungen, die in der zerst\u00f6rten Stadt landen. Foto: dpa \/ Jorge Nunez<\/p>\n<p>Kinder &#8211; Das Erdbeben in Haiti hat auch Familien auseinander gerissen. Die Waisenh\u00e4user bereiten sich auf mehr Zulauf vor. F\u00fcr manche der Kinder verspricht eine Adoption ein besseres Leben &#8211; aber auch Haiti ist Teil eines weltweiten Netzes von Kinderh\u00e4ndlern. Denen liegt das Wohl ihres Kontos mehr am Herzen als das der Kinder. Sie geben die Kinder lieber ins Ausland ab, als nach den Eltern zu suchen, auch wenn es noch welche gibt. Hilfsorganisationen sagen, es ist besser, den Kindern vor Ort zu helfen.<!--more--><\/p>\n<p>Von Petra Thorbrietz<br \/>\nDie verzweifelte Lage auf der Erdbebeninsel Haiti r\u00fchrt ans Herz, vor allem das Schicksal von zwei Millionen Kindern, mehr als einem F\u00fcnftel der haitianischen Bev\u00f6lkerung, die durch die Naturkatastrophe in besonders gro\u00dfe Not geraten sind. Viele von ihnen irren hilflos durch die Tr\u00fcmmer der St\u00e4dte, auf der Suche nach ihren Eltern und Geschwistern, hungrig und ausgetrocknet, nicht selten traumatisiert. Immer wieder beschreiben Helfer, dass sie Kinder neben ihren toten Verwandten finden, die diese nicht verlassen wollen \u2013 als k\u00f6nnten sie wieder zum Leben erwachen.<\/p>\n<p>Da die Katastrophe am Nachmittag passierte, waren viele Familien zur Zeit des Ungl\u00fccks voneinander getrennt, die Eltern in der Arbeit, die Kinder im Freien spielend oder noch in der Schule \u2013 wenn sie \u00fcberhaupt so privilegiert waren, unterrichtet zu werden. Denn in diesem \u00e4rmsten Land der westlichen Hemisph\u00e4re besucht jedes vierte Kind im Grundschulalter keine Schule, weil es in der Umgebung keine \u00f6ffentliche gibt und sich die Eltern keine private leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die \u00c4rmsten der Armen schicken ihre Kinder stattdessen h\u00e4ufig als &#8220;restav\u00e9ks&#8221;, als Haushaltshilfen, in die H\u00e4user der Wohlhabenden: 170.000 M\u00e4dchen arbeiten in solchen Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen und werden oft behandelt wie Sklavinnen, geschlagen und sexuell missbraucht. Haiti hat au\u00dferdem eine hohe Kindersterblichkeitsrate: Von 1.000 Neugeborenen sterben 76, bevor sie das f\u00fcnfte Lebensjahr erreichen. Mehr als die H\u00e4lfte aller Kinder sind mangelern\u00e4hrt. 200.000 von ihnen haben durch Aids ihre Mutter oder ihren Vater verloren. Allein in der Hauptstadt Port-au-Prince leben 2.000 Kinder ganz auf sich allein gestellt auf der Stra\u00dfe. W\u00e4re es da nicht besser, dieses Elend hinter sich lassen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Amerikaner vor Ort: &#8220;Adoptionen beschleunigen&#8221;<br \/>\nHaiti ist seit Jahrzehnten eine der beliebtesten Anlaufstellen f\u00fcr Adoptionswillige. Wer in diesen Tagen die Medien verfolgt, st\u00f6\u00dft deshalb auch auf unz\u00e4hlige Berichte \u00fcber besorgte Familien aus aller Welt, die nun f\u00fcrchten m\u00fcssen, nach jahrelangen Prozeduren ihr M\u00fcndel nun doch nicht zu bekommen, weil die zust\u00e4ndigen Richter, Anw\u00e4lte und Beamte umgekommen, die notwendigen Papiere versch\u00fcttet sind. Wenn die Kinder \u00fcberhaupt noch leben: Ein Waisenhaus in der Hauptstadt Port-au-Prince im Viertel Carrefour, nahe des Epizentrums des Bebens, begrub an die 500 Sch\u00fctzlinge unter sich, doch andere hielten den Ersch\u00fctterungen stand und bereiten sich nun auf die Aufnahme neuer Kinder vor.<\/p>\n<p>&#8220;Die Internationale Staatengemeinschaft muss die laufenden Adoptionsverfahren beschleunigen \u2013 egal, ob mit Hilfe des Asylrechts oder irgendeines anderen Notstandsparagraphen!&#8221; forderte der Amerikanerin Dixie Bickel gegen\u00fcber dem Fernsehsender CNN, &#8220;wir m\u00fcssen die Betten freibekommen f\u00fcr andere Kinder, die sie dringend ben\u00f6tigen.&#8221; Mit ihrem Mann John hatte sie 1997 nicht weit von Port-au-Prince die &#8220;God&#8217;s Littlest Angels Orphanage&#8221; gegr\u00fcndet, eine unabh\u00e4ngige christliche Missionsstation, in der 152 Kinder und 84 Babys leben. Sie hofft, dass die bereits angebahnten Adoptionen durch amerikanische und kanadische B\u00fcrger trotz vieler H\u00fcrden nun beschleunigt \u00fcber die B\u00fchne gehen k\u00f6nnen,<\/p>\n<p>Auch der Brite Chris Skelton, der wenige Stunden vor dem Erdbeben in Haiti ankam, um die Papiere f\u00fcr eine geplante Adoption zu unterzeichnen, richtete in einem Offenen Brief einen dringenden Appell an die Regierungen der Welt, Adoptionen zu beschleunigen oder neue zu erm\u00f6glichen: &#8220;Ich kann der schieren Not dieser Kinder gar nicht gen\u00fcgend Ausdruck verleihen&#8221;, schrieb er, &#8220;die Lage ist d\u00fcster, noch viel mehr Kinder werden Hilfe ben\u00f6tigen, und die bestehenden Waiserh\u00e4user k\u00f6nnen das gar nicht bew\u00e4ltigen!&#8221;<\/p>\n<p>Adoptionen grunds\u00e4tzlich umstritten: &#8220;Schleusen f\u00fcr den Kindermarkt&#8221;<br \/>\nDie Au\u00dfenministerien von Gro\u00dfbritannien, Belgien und Frankreich teilten daraufhin mit, sie k\u00f6nnen momentan keine Stellung beziehen, nur Luxemburg k\u00fcndigte an, mit Hilfe des Roten Kreuzes aktiv werden zu wollen.<\/p>\n<p>Dennoch hat Frankreich, das Land, das die meisten Adoptionsverfahren laufen hat, inzwischen damit begonnen, verletzte Kinder nach Martinique auszufliegen, die in franz\u00f6sischen Familien einen Platz finden sollen. Auch die niederl\u00e4ndische Regierung hat bereits ein Flugzeug f\u00fcr die \u00fcber hundert Kinder geschickt, f\u00fcr die eine Adoption durch niederl\u00e4ndische Eltern l\u00e4uft. Wegen der katastrophalen Situation, betonte ein Sprecher des Au\u00dfenministeriums, sollen die Kinder auch ohne alle erforderlichen Dokumente aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Roelie Post sieht das sehr kritisch. Die Holl\u00e4nderin k\u00e4mpft als Mitarbeiterin der Europ\u00e4ischen Kommission und nun auch f\u00fcr die Nichtregierungsorganisation Against Child Trafficking (ACT) seit mehr als zehn Jahren gegen Kinderhandel in der ganzen Welt, und um nichts anderes, sagt sie gegen\u00fcber evangelisch.de, geht es auch auf Haiti: &#8220;Die Waisenh\u00e4user sind nicht dazu da, sich langfristig um das Wohl der Kinder zu k\u00fcmmern. Sie sind Schleusen f\u00fcr den Kindermarkt und bedienen die W\u00fcnsche der Adoptionswilligen.&#8221;<\/p>\n<p>Milliarden-Umsatz mit Kinderhandel<br \/>\nPost hatte nach dem politischen Umsturz in Rum\u00e4nien zum ersten Mal aufgedeckt, wie kriminelle Kinderh\u00e4ndler Katastrophensituationen ausnutzen, um ihre Gesch\u00e4fte zu machen. Nachdem die ber\u00fcchtigten Waisenh\u00e4user des Ceaucescu-Regimes ge\u00f6ffnet worden waren, waren in zehn Jahren mehr als 30.000 Kinder ins Ausland vermittelt worden, ohne dass \u00fcberhaupt klar war, ob sie noch Eltern oder Verwandte im Land hatten. Im Gegenteil: Diese wurden am Betreten der Waisenh\u00e4user oft gehindert. Eine Milliarde Dollar Umsatz, sch\u00e4tzt die ehemalige Leiterin der rum\u00e4nischen Adoptionsbeh\u00f6rde, Theodora Bertzi, wurde dabei gemacht. Von einer gut organisierten Lobby, die unter dem Deckmantel von Adoptionen in Wahrheit eine Art von Kinderhandel betreibe, sprach damals der Politiker G\u00fcnter Verheugen, heute Vizepr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Kommission, und warnte vor einer systematischen &#8220;Kinderbeschaffungspolitik&#8221;.<\/p>\n<p>Dass auch Haiti l\u00e4ngst Teil dieser Politik ist, zeigt ein kritischer Bericht der lokalen Zeitung &#8220;Le Matin&#8221; vom September vergangenen Jahres: 400 Kinder w\u00fcrden j\u00e4hrlich allein nach Frankreich vermittelt, 50 nach Belgien, viele weitere in die Schweiz, hei\u00dft es dort. Zwischen 1.000 und 1.500 Adoptionsverfahren werden j\u00e4hrlich abgewickelt, mit sinkender Tendenz, seit international unsaubere Praktiken gebrandmarkt wurden: &#8220;Viele Kinder haben n\u00e4mlich Eltern im eigenen Land und werden trotzdem abgeschoben&#8221;, sagt Post. &#8220;Das widerspricht einer internationalen Kinderschutz-Konvention aus dem Jahr 1993. Haiti geh\u00f6rt zu den wenigen Staaten, die sie nicht unterzeichnet haben!&#8221;<\/p>\n<p>Nur 66 von 200 Kinderheimen als seri\u00f6s bewertet<br \/>\n66 Kinderheime waren 2008 von dem unabh\u00e4ngigen &#8220;Institut du Bien Etre Social et de Recherches&#8221; (IBESR) als seri\u00f6s bewertet und registriert worden, doch rund 200 solcher Heime existierten vor dem Erdbeben in Haiti und die meisten sind im Kinderhandel involviert. &#8220;Wenn sie keinen eigenen Kinder &#8216;auf Lager&#8217; haben&#8221;, zitiert Le Matin den belgischen Honorarkonsul auf Haiti, Gerrit De Sloover, &#8220;dann besorgen sie sich welche.&#8221; Der finanzielle Anreiz ist gro\u00df. Die Eltern bekommen, wie in einem Fall publik wurde, 10 Euro pro Kind, die Waisenh\u00e4user erhalten an die 100 Euro Vermittlungsgeb\u00fchr. Insgesamt verdient eine Seilschaft aus Beh\u00f6rdenvertretern, Anw\u00e4lten und Vermittlungsagenturen bis zu 15.000 Euro, die adoptionswillige Eltern auf den Tisch bl\u00e4ttern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&#8220;Hinzu kommt, dass die haitianischen Eltern oft gar nicht begreifen, was eine Adoption wirklich bedeutet&#8221;, sagt Post. &#8220;Die meisten glauben, sie bekommen ihr Kind mit 18 Jahren wieder zur\u00fcck. Dass eine andere Partei in alle Rechte und Pflichten als Eltern eintritt, dass die Kinder ans andere Ende der Welt verfrachtet werden, in eine v\u00f6llig andere Kultur, das k\u00f6nnen sie sich einfach nicht vorstellen.&#8221;<\/p>\n<p>Kettelie Wash aus Port-au-Prince ist ein solcher Fall. Sie hatte, berichtet Le Matin, von Frauen geh\u00f6rt, die ihre Kinder in Waisenh\u00e4usern &#8220;platzieren&#8221;, um ihnen ein besseres Leben zu erm\u00f6glichen. Ein wei\u00dfer Pfarrer hatte ihr versprochen, sie w\u00fcrde ihre vierj\u00e4hrige Tochter Jenny mit 18 wiedersehen. Doch diese wurde in die USA vermittelt, und sie bekam nicht einmal eine Adresse mitgeteilt. Die Tochter von Lucienne Ophelia wurde mit f\u00fcnf Jahren nach Deutschland geschickt, nachdem sie ein Jahr lang im Waisenhaus verbracht hatte. Inzwischen ist sie 16 Jahre und Lucienne wartet auf ihre baldige R\u00fcckkehr. Doch seit Jahren hat sie keinerlei Nachricht von ihr.<\/p>\n<p>&#8220;Kinder k\u00f6nnen sich nicht selbst helfen&#8221;<br \/>\n&#8220;Stellen Sie sich vor, was die Kinder Haitis bei dem Erdbeben durchgemacht haben&#8221;, sagt auch Maria Holz von &#8220;Terre des hommes&#8221;. &#8220;Wollen Sie die jetzt noch in ein Flugzeug setzen und aus ihrem Umfeld rei\u00dfen? Es m\u00fcssen so viele Kinder wie m\u00f6glich vor Ort unterst\u00fctzt werden, etwa durch Fachleute in der Trauma-Arbeit. Das Ausfliegen einzelner Kinder muss sorgf\u00e4ltig gepr\u00fcft werden. Was n\u00fctzt es zwei Millionen Kindern in Not, wenn nur einzelne einen guten Platz finden?&#8221; Viele der entwicklungspolitschen Hilfsorganisationen, best\u00e4tigt Holz, sehen Adoptionen als schnelles Mittel der Krisenhilfe kritisch: &#8220;Im B\u00fcrgerkriegsland Ruanda suchten Verwandte jahrelang nach ihren Kindern. Die indische Regierung hat aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden in der Tsunami-Region ein Adoptionsverbot erlassen.&#8221; Die Regel der Hilfsorganisationen hei\u00dft heute eher, im eigenen Land zu helfen \u2013 so schwer das auch ist.<\/p>\n<p>Denn die die &#8220;Child Traffickers&#8221;, wie die Kinderh\u00e4ndler international genannt werden, sind sofort vor Ort, um ihre Gesch\u00e4fte zu machen. Darum richten UNICEF und Hilfsorganisationen wie World Vision nun in Haiti Kinderbetreuungszentren ein, sogenannte &#8220;Child Friendly Spaces&#8221;. M\u00e4dchen und Jungen sollen, sobald sich die Lage stabilisiert hat, zu ihren Familien zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. &#8220;Die Versorgung von hilfsbed\u00fcrftigen Kindern hat jetzt Priorit\u00e4t&#8221;, betonte Rory Anderson, stellvertretende Direktorin f\u00fcr politische Anwaltschaftsarbeit bei World Vision International, gegen\u00fcber der Presse: &#8220;Sie sind gef\u00e4hrdet, missbraucht und ausgebeutet zu werden und k\u00f6nnen schnell verwahrlosen, da sie sich selbst nicht helfen k\u00f6nnen.&#8221;<\/p>\n<p>Zum Thema Adoption<br \/>\nIn Deutschland schafft es ein Elternpaar von zehn, ein Adoptivkind zugesprochen zu bekommen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erhielten 2008 insgesamt 4.201 Kinder und Jugendliche neue Eltern. Beinahe die H\u00e4lfte davon wurden von ihren Stiefeltern adoptiert. Ungewollt kinderlose Eltern wenden sich h\u00e4ufig an ausl\u00e4ndische Institutionen, weil dort die Bestimmungen weniger streng und die Wartezeiten k\u00fcrzer sind. Im Jahr 2007 kam etwa ein Drittel der in Deutschland adoptierten Kinder (insgesamt 709) aus einem anderen Land, die meisten aus Russland und der Ukraine. Weltweit f\u00fchrend bei Auslandsadoptionen sind die USA. In Europa liegen Italien, Spanien und Frankreich an der Spitze. Gemessen an der Gesamtbev\u00f6lkerung ist der Anteil von Kindern anderer Ethnien in Schweden und Norwegen am gr\u00f6\u00dften.<br \/>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Source: www.evangelisch.de 9. Januar 2010 Adoption &#8211; hilfreiches Instrument f\u00fcr verwaiste Kinder nach der Erdbebenkatastrophe? Diese Kinder in Port-au-Prince beobachten die Helikopter mit Hilfslieferungen, die in der zerst\u00f6rten Stadt landen. Foto: dpa \/ Jorge Nunez Kinder &#8211; Das Erdbeben in Haiti hat auch Familien auseinander gerissen. Die Waisenh\u00e4user bereiten sich auf mehr Zulauf vor. 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