{"id":357,"date":"2010-01-23T14:45:24","date_gmt":"2010-01-23T14:45:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.againstchildtrafficking.org\/new\/?p=357"},"modified":"2010-10-15T10:47:54","modified_gmt":"2010-10-15T10:47:54","slug":"kinder-als-exportschlager","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/old.againstchildtrafficking.org\/archive\/kinder-als-exportschlager\/","title":{"rendered":"Kinder als Exportschlager"},"content":{"rendered":"<div>Source: <a href=\"http:\/\/www.wienerzeitung.at\" target=\"_blank\">www.wienerzeitung.at<\/a><\/div>\n<p>Von Thomas Schuler<\/p>\n<p>Auslandsadoptionen sind oft ein Deckmantel f\u00fcr Kinderhandel. Besonders schlimm war (und ist zum Teil noch) die Situation in Rum\u00e4nien. Die ehemalige EU-Beamtin Roelie Post k\u00e4mpft massiv dagegen an.<!--more--><br \/>\nAls die Kinderrechtsaktivistin Roelie Post sich vor einigen Monaten mit einem Dolmetscher und einem Filmteam in den Nordosten Rum\u00e4niens aufmachte und Marineta Ciofu aufsuchte, h\u00f6rte sie eine Geschichte, die sie so oder so \u00e4hnlich schon oft geh\u00f6rt hatte. Frau Ciofu hatte keine Ahnung, was mit ihrem Kind passiert war. Vor fast zehn Jahren musste sie ihre uneheliche Tochter aus Armutsgr\u00fcnden in einem Babyheim zur\u00fccklassen &#8211; mit der festen Absicht, sie zur\u00fcckzuholen, sobald es ihr besser gehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dann pl\u00f6tzlich war ihre Tochter verschwunden. Wohin, wollten die Beh\u00f6rden der Mutter nicht sagen. Erst zehn Jahre sp\u00e4ter erfuhr Marineta, dass das M\u00e4dchen von einer amerikanischen Familie adoptiert wurde. &#8220;Wie kann jemand ein Kind wegnehmen ohne meine Unterschrift?&#8221;, fragte Frau Ciofu. Die Journalistin Golineh Atai hat das dokumentiert. Ihr Film &#8220;Suche Kind &#8211; zahle bar. Die Adoptionslobby&#8221; lief im September 2009 im Westdeutschen Fernsehen (WDR).<\/p>\n<p>Adoption gegen Armut?<\/p>\n<p>Roelie Post, 50, war zwanzig Jahre lang Beamtin in der Europ\u00e4ischen Union, von 1999 bis 2005 zust\u00e4ndig f\u00fcr die EU-Erweiterung und Auslandsadoptionen aus Rum\u00e4nien. Den Job musste sie nicht ganz freiwillig aufgeben. Seitdem besch\u00e4ftigt sich die Br\u00fcsseler Beamtin mit Kinderhandel in Auslandsadoptionen. Und hilft heute Rum\u00e4nen, deren Kinder von Ausl\u00e4ndern adoptiert wurden.<!--more--><\/p>\n<p>&#8220;Armut ist kein Grund, um Kinder wegzunehmen&#8221;, sagt Roelie Post. &#8220;Armut ist keine Krankheit. Es wird immer gesagt: Die Kinder haben es besser. Aber internationale Adoptionen sind keine L\u00f6sung f\u00fcr diese Armut. Sie verschlimmern die Situation nur, weil die Leute auch noch ihr Kind verlieren.&#8221;<\/p>\n<p>Nach dem Ende des Kommunismus wurden innerhalb von zehn Jahren mehr als 30.000 rum\u00e4nische Kinder ins Ausland vermittelt. Die meisten von ihnen waren keine Waisen. Mitunter wurden Kinder zur Adoption freigegeben, deren Eltern nie ihr Einverst\u00e4ndnis dazu gegeben hatten. Etwa 30.000 Dollar zahlten Amerikaner f\u00fcr ein Kind.<\/p>\n<p>Etwa die H\u00e4lfte dieser Kinder kamen in die USA, die andere H\u00e4lfte nach Europa. In Deutschland kommen auf ein zur Adoption freigegebenes Kind etwa zehn Paare, die eines suchen. Viele deutsche Paare entscheiden sich deshalb f\u00fcr eine Auslandsadoption; etwa 40 Prozent machen sich auf eigene Faust auf die Suche und zahlen Vermittlungsgeb\u00fchren unter der Hand. Etwa ein Drittel der in Deutschland adoptierten Kinder (insgesamt 709) kam 2007 aus dem Ausland, die meisten aus Russland und der Ukraine.<\/p>\n<p>Weltweit f\u00fchrend bei Auslandsadoptionen sind die USA. In Europa liegen Italien, Spanien und Frankreich an der Spitze. Gemessen an der Gesamtbev\u00f6lkerung ist der Anteil fremdl\u00e4ndischer Kinder in Schweden und Norwegen am gr\u00f6\u00dften.<\/p>\n<p>In Rum\u00e4nien leben heute 22.000 Kinder in stark verbesserten, staatlichen Heimen; weitere 21.000 sind bei Pflegeeltern untergebracht. Nur 700 bis 800 gelten als adoptionsf\u00e4hig. Auf jedes dieser Kinder warten zwei bis drei rum\u00e4nische Paare, wie der Vertreter von Unicef in Rum\u00e4nien best\u00e4tigt. Ausl\u00e4ndische Bewerber werden also nicht ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Kaum hatte Rum\u00e4nien 2001 ein Moratorium f\u00fcr Auslandsadoptionen durchgesetzt, prozessierte eine amerikanische Vermittlungsagentur dagegen \u2013 ohne Erfolg. Die USA forderten zahlreiche Ausnahmen. Angeblich ging es dabei nur um F\u00e4lle, deren Verfahren vor dem Stopp begonnen wurde. Doch die meisten wurden erst danach in die Wege geleitet. Bis 2004 wurde fast t\u00e4glich eine Ausnahme durchgesetzt \u2013 auf diese Weise kamen noch einmal rund tausend Kinder ins Ausland. Roelie Post, die nicht wegsehen wollte, st\u00f6rte da nur. Als ihr Chef G\u00fcnther Verheugen sein Amt als EU-Kommissar f\u00fcr die Erweiterung abgab, wurde Roelie Post \u00fcber Nacht versetzt.<\/p>\n<p>Als Therapie schrieb die Niederl\u00e4nderin ihre Erlebnisse auf und verlegte das Buch 2007 im Selbstverlag: &#8220;Romania \u2013 For Export Only&#8221;. Zahlreiche im Buch genannte Personen, deren problematische Rolle sie beschrieb, bestellten es bei ihr. Aber niemand wagte es, Klage einzureichen. Gegen\u00fcber dem WDR sagte Verheugen: &#8220;Es gibt eine sehr gut organisierte Lobby, die unter dem Deckmantel von Adoptionen in Wahrheit eine Art von Kinderhandel betreibt&#8221;.<\/p>\n<p>Als der rum\u00e4nische Premierminister Adrian Nastase 2001 den US-Verteidigungsminister Colin Powell besuchte, forderte dieser, es m\u00fcsse vom Adoptionsstopp Ausnahmen geben. Verheugen erkl\u00e4rte, dass die USA &#8220;eine politische Verbindung hergestellt haben zwischen der Freigabe von Kindern zur Adoption, und dem Beitritt Rum\u00e4niens zur Nato, das habe ich nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten&#8221;. Der politische Druck sei &#8220;immer wieder aus denselben L\u00e4ndern&#8221; gekommen, so Verheugen: aus Frankreich, aus Italien, Spanien, aus Israel und aus den USA.<\/p>\n<p>Der B\u00fcrgermeister von Bukarest verk\u00fcndete die Ausnahmen sogar auf einer &#8220;Lobbyliste&#8221;. F\u00fcr jedes adoptierte Kind stand ein Spitzenpolitiker Pate: US-Senatoren wie Edward Kennedy, John Kerry, sogar Romano Prodi, der EU-Kommissionspr\u00e4sident. &#8220;Ich war entsetzt&#8221;, sagte Verheugen. &#8220;Ich habe dann die Kollegen in Br\u00fcssel ins Bild gesetzt.&#8221; Prodi zog sich zur\u00fcck, aber der italienische Staatschef Silvio Berlusconi forderte und erhielt hundert Ausnahmekinder f\u00fcr Adoptiveltern.<\/p>\n<p>Verheugen zog eine ern\u00fcchternde Bilanz: &#8220;Die Frage der rum\u00e4nischen Kinder war f\u00fcr mich eine der bittersten und schmerzhaftesten Erfahrungen meines ganzen politischen Lebens.&#8221;<\/p>\n<p>War? Beginnt nun alles von vorne? Als die Europ\u00e4ische Kommission und der Europarat Anfang Dezember 2009 rund 150 Experten und Regierungsvertreter zu einer zweit\u00e4gigen Konferenz nach Stra\u00dfburg einluden, ging es offiziell um die Aktualisierung einer Konvention aus dem Jahr 1967. Roelie Post dagegen wusste es besser. In Wirklichkeit, sagt sie, sei es darum gegangen, den rum\u00e4nischen Markt zu \u00f6ffnen, und zwar unter dem Deckmantel der Einf\u00fchrung einer sogenannten Europ\u00e4ischen Adoption. Die Vorbereitungen f\u00fcr die \u00d6ffnung des Marktes in Rum\u00e4nien laufen seit Jahren. Einer der Drahtzieher ist der Chef der franz\u00f6sischen Adoptionsorganisation &#8220;Sers&#8221;, Fran\u00e7ois de Combret.<\/p>\n<p>Jede Adoption innerhalb Europas soll k\u00fcnftig europ\u00e4isch sein. Registriert und \u00fcberwacht von einer europ\u00e4ischen Adoptionsbeh\u00f6rde. Das w\u00fcrde die Abschaffung der nationalen Adoption bedeuten. Nicht mehr Kommunen, sondern die EU w\u00e4re zust\u00e4ndig. Am Ende des zweiten Konferenztages pr\u00e4sentierte die Vertreterin der Kommission Studien, die angeblich belegen, dass sich die B\u00fcrger in Europa eine solche europ\u00e4ische Regelung w\u00fcnschten. Alle im Saal, die davon h\u00f6ren, waren \u00fcberrascht. Au\u00dfer Roelie Post.<\/p>\n<p>Sie bezieht \u00fcbrigens ihr Gehalt weiter aus Br\u00fcssel und darf mit Erlaubnis der EU offiziell in ihrer Organisation gegen Kinderhandel (&#8220;Against Child Trafficking&#8221;) arbeiten. Eine merkw\u00fcrdige Situa- tion, denn immerhin bek\u00e4mpft ihre Organisation die Politik der EU. Roelie Post bezahlt alle Ausgaben f\u00fcr ihr Engagement selbst. In ihrer Arbeit wird sie von Arun Dohle aus Aachen unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Roelie und Arun verbindet ein gemeinsames Ziel: die Abschaffung der Auslandsadoption. An der Wand ihres B\u00fcros h\u00e4ngt eine Weltkarte mit gr\u00fcnen, roten und blauen Stecknadeln. Gr\u00fcn sind die &#8220;offenen&#8221; Adoptionsl\u00e4nder, rot jene L\u00e4nder, welche ihre T\u00fcren geschlossen halten. Blau steht f\u00fcr die Regionen, in denen Roelie Post und Arun Dohle bisher recherchiert haben: Malawi, \u00c4thiopien, China, Peru und Indien. Ihr Ziel ist eine rote Welt. In f\u00fcnf Jahren sollen Auslandsadoptionen gestoppt sein.<\/p>\n<p>Roelie Post und Arun Dohle sto\u00dfen immer wieder auf F\u00e4lle, bei denen Papiere manipuliert und Kinder f\u00e4lschlicherweise als Waisen vermittelt wurden, weil jemand gut daran verdiente. Hundert solcher F\u00e4lle haben sie bisher gesammelt. Sie glauben, dass weit mehr Adoptionen fehlerhaft verlaufen.<\/p>\n<p>Die Arbeit von Dohle und Post sei wichtig, sagt Wolfgang Weitzel, der Leiter der Bundeszentralstelle f\u00fcr Auslandsadoption in Bonn, denn es gebe zu viele Leute, die ihren Kinderwunsch r\u00fccksichtslos durchsetzten. Es sei notwendig, Missst\u00e4nde aufzukl\u00e4ren. Der Verlauf der Konferenz in Stra\u00dfburg, sagt er, &#8220;hat mir Angst gemacht&#8221;. Eine Anspielung auf den Druck der Adoptionslobby, vor allem aus Italien.<\/p>\n<p>Adoptionslobby<\/p>\n<p>Alles schien sehr gut inszeniert zu sein. Eine junge Teilnehmerin, die sich als Maria Mirabella vorstellte, erz\u00e4hlte, sie sei aus einem Heim in Rum\u00e4nien nach Italien adoptiert worden und setze sich seit Jahren f\u00fcr ein Ende des Moratoriums ein. Als sie ihr Heim in Rum\u00e4nien besucht habe, h\u00e4tten die Kinder sie gebeten, dass sie f\u00fcr ihre Adoption k\u00e4mpfe. &#8220;Mira, tu was, such uns eine Familie, haben sie gesagt. Ich bin gekommen, um diesen Wunsch mitzuteilen.&#8221; Es war eine von mehreren \u00e4hnlichen Wortmeldungen.<\/p>\n<p>Thomas Klippstein, der Chef der deutschen Delegation, die das Justizministerium nach Stra\u00dfburg entsandt hatte, griff zum Mikrofon und sprach von &#8220;vielen Gemeinsamkeiten&#8221;, aber auch von &#8220;erheblichen Unterschieden&#8221; unter den Teilnehmern. Die Haager Konvention sei verbesserungsw\u00fcrdig, aber er sei &#8220;nicht \u00fcberzeugt, eine zus\u00e4tzliche Rechtsebene einzuziehen&#8221;. Sofern es bei diesem Nein bleibt, ist die Europ\u00e4ische Adoption erledigt.<\/p>\n<p>Roelie Post hatte Klippstein bereits im Vorfeld mehrfach gesprochen und \u00fcber die Hintergr\u00fcnde aufgekl\u00e4rt. Er sei interessiert gewesen, sagt sie, habe aber bis zur Konferenz die Zusammenh\u00e4nge nicht glauben wollen. Der Unmut \u00fcber den Verlauf der Debatte war ihm anzusehen; Roelie Post und Arun Dohle dagegen wirkten zufrieden. &#8220;Wir sind nicht gegen Adoption, sondern gegen Kinderhandel&#8221;, sagt Roelie Post. &#8220;Doch leider l\u00e4sst sich dies bei Auslandsadoptionen nicht voneinander trennen.&#8221;<\/p>\n<p>Thomas Schuler, 1965 geboren, lebt als freier Journalist und Buchautor in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Printausgabe vom Samstag, 23. J\u00e4nner 2010<br \/>\nOnline seit: Freitag, 22. J\u00e4nner 2010 14:40:04<br \/>\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Source: www.wienerzeitung.at Von Thomas Schuler Auslandsadoptionen sind oft ein Deckmantel f\u00fcr Kinderhandel. Besonders schlimm war (und ist zum Teil noch) die Situation in Rum\u00e4nien. 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